Ist frühe Liebe eine Voraussetzung, um lieben zu können?
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Mini-Essay · Mitdenken
Die Frage tauchte beiläufig auf. In einem Status. Kurz formuliert. Fast wie eine These.
„Muss man, um sich selbst und andere lieben zu können, vorher Liebe erfahren haben?“
Mein erster Impuls: innehalten. Nicht, weil mir nichts einfiel – sondern weil einfache Antworten hier nicht stimmen.
Denn ja: Die erste Form von Liebe, die wir erfahren, ist die Beziehung zwischen Säugling und Bezugsperson, gefolgt von den frühen Beziehungserfahrungen im Kleinkindalter, die unsere späteren Bindungsmuster maßgeblich prägen. Nicht als romantisches Gefühl, sondern als Erfahrung von Gehalten-Werden, Beantwortet-Werden, Regulation, Nähe und Sicherheit.
Aus dieser Erfahrung entsteht etwas, das wir später Urvertrauen nennen.Ein leises Körperwissen: Die Welt ist da. Ich bin hier sicher. Sie antwortet auf mich.Wir speichern das, was wir hier kriegen, und das ist nicht nur das, was gut tut – wir speichern auch das, was weh tut. Diese Gleichzeitigkeit verankert sich tief: Als unbewusste Definition davon, wie Liebe sich anfühlt. Für viele Menschen wird genau das später vertraut, es wird zu dem, was sie später im Erwachsenenalter suchen. Nicht weil es gut ist – weil es bekannt ist.
Urvertrauen ist keine Eintrittskarte zur Liebesfähigkeit. Und sein Fehlen ist kein Ausschlusskriterium. Was frühe Liebe prägt, ist nicht, ob wir lieben können, sondern wie sicher sich Liebe anfühlt. Und wie viel Gefahr im Zweifel unser Nervensystem in und von Nähe erwartet.
Hier wird es komplizierter, als es oft klingt. Denn Beziehung ist nicht nur Sicherheit. Sie ist auch Zumutung. Reibung. Risiko. Sie kann wach machen – und überfordern.Begehren, Spannung, Ambivalenz gehören ebenso dazu wie Regulation. Wenn ich schreibe, Liebe müsse sich sicher anfühlen, meine ich nicht: Konfliktfrei, weich, harmlos. Ich meine: nicht existenziell bedrohlich.
Viele Menschen, die nicht ausreichend gesehen oder gehalten wurden, lieben trotzdem – oft sogar sehr tief. Nur nicht immer mühelos, sondern durch bewusstes Reflektieren, probieren, fallen… Liebe ist dann nicht selbstverständlich. Sie ist nicht leicht, sie braucht Bewusstheit, ist wach – sie ist gelernt.
Nachlernen klingt schön und fast irgendwie… einfach. In Wirklichkeit ist es beides nicht, oft (meistens) ist es nicht linear. Es gibt so viele Rückfälle, Verwechslungen, alte Reflexe, die plötzlich wieder da sind. Bewusstheit schützt nicht vor Schmerz – sie verändert nur, wie lange wir ihm ausgeliefert sind.
Vielleicht ist das der entscheidende Unterschied: Frühe Liebe macht Nähe selbstverständlich. Spätere Liebe macht Nähe bewusst – und manchmal auch anstrengend.
Und vielleicht ist Liebesfähigkeit weniger eine Frage der Vergangenheit als eine der Erfahrung: Habe ich irgendwann – irgendwo – erlebt, dass Liebe, dass Beziehung sicher sein kann?
Diese Erfahrung kann spät kommen. In Freundschaften. In Partnerschaften. In therapeutischen Räumen. Oder in der langsamen, geduldigen Beziehung zu sich selbst.
Man muss nicht perfekt geliebt worden sein, um lieben zu können. Aber man muss irgendwann erfahren, dass Liebe nicht gefährlich ist – und dass auch Unsicherheit nicht das Ende von Beziehung bedeuten muss.
Und vielleicht bleibt am Ende keine Antwort, sondern eine andere Frage: Was verändert sich, wenn ich beginne, Liebe heute anders zu messen als früher? An den Erfahrungen, die mir gut tun, die ich mir heute, im hier und jetzt erlaube…?
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