Die Kunst des Nicht-Coachens im Alltag.
- 31. Mai
- 3 Min. Lesezeit
Ich habe eine Retter-Komponente. Über 20 Jahre Berufserfahrung im organisatorischen Bereich, Großziehen eines Kindes, Dolmetschen und Lösungen-Finden für die Familie – all das ging nicht spurlos an mir und meinem Tun vorbei. Ich denke in Lösungen und Möglichkeiten, und das auch kreativ. In einem Was wäre, wenn und Wir könnten doch hier. Im Coaching lerne ich nun das Nicht-Coachen im Alltag.
– Ich bin zu dick.
– Mmh.
Annehmen. Pause. Nichts weiter, nicht darauf einsteigen. Viele von uns steigen so unglaublich schnell ein: - Ich bin zu dick.
- Ach quatsch, bist du doch überhaupt nicht.
- Meine Haare sehen so scheiße aus.
- Ach nein, die sind doch ganz wundervoll.
- Ich möchte abnehmen.
- Probiere doch x und y aus.
- Das geht aber gerade nicht, erst wenn ich…, ja aber….
Auch ich springe in meinem Alltagsleben gerne rein, biete Lösungen an, mache Vorschläge -und anschließend ist da ein Teil in mir der sich wundert, warum mein Gegenüber nicht sofort freudestrahlend der Veränderung entgegenspringt. Ich höre oft: Problem. Und mein Gehirn sagt: Lösung. Das ist unter anderem meine Sprache der Liebe und der Fürsorge. Dabei ist mein Gegenüber vielleicht gar nicht auf eine Lösung aus. Vielleicht möchte er oder sie gerade einfach nur gehört werden. Vielleicht ist Veränderung noch gar nicht dran. Denn „Ich müsste abnehmen“ kann vieles bedeuten:
- Ich möchte wirklich abnehmen.
- Ich möchte, dass du mir sagst, dass es gar nicht so schlimm ist.
- Ich möchte mich einfach kurz beklagen.
- Ich möchte Nähe herstellen.
- Ich möchte das Gefühl haben, gehört und angenommen zu werden.
- Ich möchte an dem Gedanken festhalten, dass alles besser würde, wenn ich erst einmal abgenommen hätte.
- Ich möchte überhaupt nichts verändern.
Was ich inzwischen mache ist… annehmen und Raum geben. - Ich habe zugenommen.
- Mmh.
- Ich bin so dick.
- Aha.
- Meine Wohnung ist so unordentlich.
- ...
Und …Pause. Kurz die Stille aushalten.
Nicht jede Unzufriedenheit ist eine Einladung zur Intervention. Manche Menschen tragen ein Thema seit Jahrzehnten mit sich herum und fühlen sich unglaublich wohl darin. Wie in einem alten, ausgetragenen Pullover. Er hat hier und da einen Fleck, ein, zwei lose Fäden, ist etwas ausgeblichen - aber so gewohnt, gemütlich und heimisch. Es wäre viel zu schade, ihn wegzuwerfen, und für den Sonntag zum rumrödeln in der Wohnung oder mal kurz den Müll rausbringen reicht er ja noch.
Das wirkt von außen seltsam, erfüllt aber von innen eine Funktion. Die Leute wollen den Pullover nicht wegwerfen, nur gelegentlich darüber reden. Die Liste der Funktionen kann sehr unterschiedlich aussehen. Einige zum Mitnehmen, Schmunzeln oder Sich-selbst-darin-Wiederfinden:
Ich müsste abnehmen.
Entlastung von Schuldgefühlen, ohne handeln zu müssen.
Ich müsste mehr Sport machen.
Aufrechterhaltung eines Selbstbildes: Eigentlich bin ich jemand der sportlich ist, der auf Bewegung und einen gesunden Lebensstil achtet.
Ich müsste endlich einen neuen Job suchen.
Hoffnung bewahren, ohne Risiko eingehen zu müssen.
Ich müsste mal aufräumen.
Eine Erklärung für Unzufriedenheit haben.
Ich müsste mich mal wieder melden. Das Gefühl behalten, die Beziehung sei noch wichtig. Und ich? Ich lerne, auch privat einfach zuzuhören. Es im Raum stehen zu lassen. Zu hören, dass mein Gegenüber unzufrieden ist, und nicht wie eine Feuerwehr sofort anzuspringen. Zu schauen, wie sich das Gespräch entwickelt und was mein Gegenüber gerade braucht. Das Thema dort zu lassen, wo es ist – bei meinem Gegenüber und nicht bei mir.
Und auch nicht mehr sofort zu hinterfragen, wofür mein Gegenüber das Thema gerade braucht. Ich betrachte den Pullover liebevoll, ohne ihn der Person auszuziehen. Und danach darf das Gespräch gerne weitergehen. Zu Erdbeeren, dem Wetter, dem neuen Bäcker um die Ecke. Die wirklich veränderungsbereiten Menschen hören nach dem dritten Nicken nicht auf. Sie kommen wieder, stellen Fragen, wollen Lösungen und nehmen mich mit. Bei allen anderen reicht oft tatsächlich ein. - Hm oder ok…
Und dann:
- Sag mal, hast du die Erdbeeren dieses Jahr schon probiert? Die sind überraschend gut. Vielleicht ist genau das die eigentliche Kunst des Nicht-Coachens im Alltag.

