Sie tanzt noch immer in der Küche
- 26. Mai
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Es gibt Dinge, die wir jahrelang aufbewahren, obwohl wir sie längst nicht mehr benutzen. Ein alter Lippenstift. Ein Puder. Ein Kleidungsstück. Eine Kiste im Keller mit Videokasetten von damals. Oberflächlich betrachtet sind es nur Gegenstände. Und doch fällt das Loslassen manchmal schwer. Nicht, weil wir den Gegenstand noch brauchen, sondern weil wir etwas anderes festhalten. Eine frühere Version von uns.
Die Frau, die jünger war. Der Mann, der noch die sportliche Karriere vor sich hatte. Vor dem Unfall, vor der Knie-OP und der hässlichen, bis heute manchmal schmerzenden Trennung. Beim Loslassen verschwindet dann nicht nur ein Gegenstand. Es fühlt sich an, als würde ein Teil von uns weggegeben werden.
Damals stehe ich vor dem Schrank in meinem Schlafzimmer, eine alte Puderdose in der Hand, seit Jahren nicht genutzt, ich werde sie nie wieder nutzen. Dennoch spüre ich ein Zögern. Ich werfe den Puder in den Müll und lasse die Tüte fast eine Woche lang im Flur stehen. Beim Rausbringen greife ich rein und hole den Puder raus. In diesem Moment spüre ich körperlich Erleichterung.
Nicht, weil ich ihn behalten möchte. Sondern weil mir plötzlich klar wird: Jetzt ist noch nicht die Zeit zum endgültigen Loslassen.
Und noch etwas wird mir klar. Es geht nicht um Kosmetik. Es geht um eine Zeit. Die Frau, die diesen Puder gekauft hat, war Anfang dreißig. Ihre Welt war leichter. Unbedarfter. Es gab weniger Verluste, weniger Brüche, weniger Themen, die nachwirken. Mehr Selbstverständlichkeit, Leichtfüßigkeit, spontanes tanzen in der Küche. Mehr „Was kostet die Welt?".
Und für einen kurzen Moment frage ich mich: Halte ich hier gerade den Gegenstand fest – oder die damalige Version von mir? Was hat sie mir damals gegeben, diese Leichtigkeit? Wofür stand sie? Würde wirklich etwas verschwinden, wenn ich sie gehen lasse?
Vielleicht tun wir das öfter, als wir glauben. Wir bewahren manche Dinge nicht auf, weil wir sie lieben. Sondern weil sie Zeugen geworden sind. Beweise dafür, dass es diese Version von uns einmal gegeben hat.
Bei mir war es auch eine alte Schwarzweißfotografie – Sommerurlaub in Katalonien. Das Meer im Hintergrund. Meine Eltern jünger, die Großeltern noch am Leben. Die damalige Beziehung unversehrt. Keine Krisen, Sorgen, Nöte, Krankheiten in Sicht. Ich lehne leicht gegen einen Stuhl, der Blick aufs Meer gerichtet, eine Zigarette in der Hand.
Es gab Momente, da habe ich sie sehr vermisst. Nicht die Zigarette, nicht die Zeit, sondern ihre Leichtigkeit.
Und genau hier liegt vielleicht ein Missverständnis. Denn die frühere Version von uns ist nicht verschwunden. Sie ist nicht weg. Sie ist noch da – nur tiefer, reifer, integrierter. Im Alltag manchmal leiser geworden.
Sie zeigt sich in der Art, wie wir noch lachen. In Dingen, die uns immer noch berühren. In unserer Kreativität. In einem mutigen Schritt.
Die Frau von heute ist gesetzter. Klarer. Mehr bei sich. Sie kennt ihre Grenzen, weiß besser was sie will, und noch besser, was sie nicht will. Und trotzdem lebt die andere weiter. Vielleicht ist genau das Integration. Nicht wieder zu werden wie früher. Sondern zu erkennen: Ich bin sie noch. Nicht vollständig. Nicht unverändert. Aber sie lebt in mir weiter.
Die Puderdose – ich habe sie noch. Fast als einzigen Erinnerungsgegenstand aus dieser Zeit. Weil sie mich an meine Heimat erinnert. An einen Besuch, als meine Großeltern noch lebten. An eine Zeit, die mich geprägt hat.
Vielleicht reicht genau das. Ein einziger kleiner Gegenstand, ein kleines Symbol – statt eines ganzen Archivs.
Und sie? Sie tanzt noch immer abends in der Küche.

